Anathem - Sonntag, 5. Oktober 2008
Mir ging es mit Neal Stephensons "Cryptonomicon" genauso wie Marcus Hammerschmidt im Telepolis Beitrag Die Mönche der Wissenschaft über Stephensons neuestes Werk "Anathem". Ich kenne aber auch etliche Aussagen von Leuten, die auf Cryptonomicon abgefahren sind. Wie immer auch eine Frage des Geschmacks und der Lesevorlieben.
Was er mit: "in der phantastischen Literatur gilt spätestens seit dem Herrn der Ringe, dass ein Buch gut ist, wenn es dick ist; dass zuviel des Guten einfach nicht schlecht sein kann; dass interessante Grundideen besser werden, wenn man sie in drei, vier, fünf oder gar sechs Bänden ausbreitet. Diese bizarre Form des Schwanzlängenvergleichs hat zu betrüblichen Selbstdemontagen geführt, wie bei Frank Herberts Dune-Saga, dem Hyperion-Zyklus von Dan Simmons und Otherland von Tad Williams" in der Einleitung meint, erschließt sich mir nicht wirklich. Die "Dune" Saga ist immer noch eines meiner Lieblingsbücher und oft gelesen. Die Bände von Herberts Sohn zur Erklärung der Vorgeschichte von Dune fand ich nicht so dicke, obwohl die auch alle dick waren Den "Barock-Zyklus" von Stephenson habe ich ganz überschlagen. Ich konnte und wollte schon mit den Plots nichts anfangen, genauso wenig, wie ich zum Beispiel mit der Verwurstung der alten Vettel namens Queen Victoria und des viktorianischen Zeitalters im Steampunk und mit der Begeisterung für Steampunk etwas anfangen kann, obwohl ich "Diamond Age" liebe. Das Aufgreifen eines vergangenen Zeitalters und die Rückwendung, nur weil einen die Gegenwart ein- und überholt oder weil man die Gegenwart nicht mehr fassen und vielleicht die möglichen Zukünfte immer schneller vorstellbarer werden, hat etwas Muffiges und Altbackenes an sich, das erinnert an Fluchtverhalten und den Kopf in den Sand stecken. Vielleicht ist diese Ansicht ja schon wieder altmodisch. Beim Steampunk finde ich die tatsächliche künstlerische und handwerkliche Anwendung auf Keyboards, Revolver, Computer usw. ganz nett und reizvoll, aber ansonsten? Die Rezension von "Anathem" und der Plot machen aber Lust, sich das neue Buch von Stephenson zuzulegen. Von Marcus Hammerschmidt hat mir übrigens neben dem "Opal" "Der Zensor" gut gefallen...was auch sonst Zur Geschichte von Snoopgate - Mittwoch, 17. September 2008
Gestern wies die EFF in ihrem Beitrag New Details of Official Dissent in Spying Scandal auf das Buch "Angler: The Cheney Vice Presidency" von Barton Gellman hin, das die Washington Post in den Artikeln Conflict Over Spying Led White House to Brink und Cheney Shielded Bush From Crisis zusammenfasste. Eine Besprechung brachte die New York Times im Artikel Angler: The Cheney Vice Presidency [Anm.: "Angler" ist einer der Spitznamen für "Dick" Cheney].
Es dürfte niemanden überraschen, dass im Zentrum der illegalen Abhörprogramme für die NSA laut Gellmann Vizepräsident Cheney stand, wurde doch schon immer geargwöhnt, dass Bush nur eine Marionette des Strippenziehers und Kriegstreibers Cheney war und Cheney der "Architekt" der "Terrorist Surveillance" Programme. Laut des Buches von Gellmann haben Cheney und sein engster Berater David Addington die Programme entwickelt und im Büro des Vizepräsidenten entworfen, wo sie bis zur Unterzeichnung als "Direktiven des Präsidenten" unter Verschluss gehalten wurden und zum "president's program" wurden, wie Addington die Überwachungsprogramme nannte. Interessant wäre die Frage, wann die beiden Verschwörer mit ihrer Arbeit begannnen, denn die Überwachungsprogramme sollen nach unterschiedlichen Presseberichten ab 2001 bzw. nach 9/11 oder bereits kurz davor gestartet worden sein. Aufzeichnungen und Kopien der Programmpläne und Direktiven wurden nur in Cheneys Büro verwaltet und tauchten nicht im Sekretariat des White House auf. Mehr noch, wurde nicht nur der Stabschef des White House Andrew H. Card Jr. nicht über die Programme informiert, auch dem damaligen US-Heimatschutzminiter Tom Ridge, der damaligen Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice und führenden Senatoren der Geheimdienstausschüsse wurden entweder teilweise oder ganz die Details und Ausmaße der Abhörprogramme vorenthalten und sogar den Hausjuristen der NSA Auskünfte verweigert. Einsicht sollen nur Alberto R. Gonzales und John Yoo aus dem Amt für juristische Beratung des US-Justizministeriums gehabt haben. Alberto R. Gonzales wurde später US-Justizminister, John Yoo sein Stellvertreter, der u. a. bereits 2003 den Geheimdiensten und Militärs die Anwendung der Folter "feindlicher Kombattanten" genehmigte und am Patriot Act mitwirkte – so bezahlt man eben willfährige Hunde für ihre treuen Dienste. Aus dem Amt gelangten wohl Informationen zu FBI-Diektor Mueller, der sich zusammen mit dem damaligen US-Justizminister Ashcroft und dessen Stellvertreter James B. Comey wegen erheblicher Bedenken zur Legalität der Programme gegen die Abhörprogramme stellte. Von diesen Bedenken und Widerständen aus dem US-Justizministerium soll Cheney Bush drei Monate in Unkenntnis gehalten haben. Es folgte Anfang 2004 die unrühmliche Episode im George Washington University Hospital, wo Gonzales (und laut eines Artikels der New York Times auch Stabschef Card) versuchten, dem bettlägrigen Ashcroft die Unterschrift für die Verlängerung der Abhör-Direktiven des Präsidenten abzuringen. Da der die Unterschrift verweigerte, unterzeichnete Bush die Direktiven einfach selbst, ohne Zustimmung des US-Justizministeriums. In diesem Zusammenhang steht wohl auch die Legende, auf die sich später die Vertreter der Bush-Administration bezogen, Bush hätte als "Commander in Chief" in Kriegszeiten das Recht, alle angeblich nötigen Maßnahmen selbstherrlich zu autorisieren, um Schaden vom Land abzuwenden. Das rückte ihn in die Nähe von Nixon, mit dem Unterschied, das Nixon mit Watergate "nur" die Demokraten belauschen wollte, während sich mit Bushs "Terrorist Surveillance" und Data Mining Programmen das Abhörnetz über das ganze Land legte.
"The Terrorist Surveillance Program, from everybody I've talked to, was just this umbrella name for all the bad or potentially illegal programs they were doing. And within that program, there were a large variety of programs that ended up growing over the years. There's a whole variety of means to gather information. So I think they all may have had different code names, but they came under this one umbrella ... they had an expansive program to do eavesdropping that was done totally unilaterally, without any oversight. This is NSA being judge, jury and executioner in terms of who gets eavesdropped on and what happens to that information."
Dieser Akt von Bush führte zur Androhung von Mueller, Ashcroft und Comey, von ihren Ämtern zurückzutreten, wenn die Programme nicht "modifiziert" würden. Am 18. März 2004 wurde von Bush eine geänderte Version der Direktiven unterzeichnet, die die "Rebellen" akzeptierten. Von da ging es weiter mit den Abhörprogrammen in den Ausmaßen, wie wir sie kennen oder nicht kennen.James Bamford, Autor des Titels "The Shadow Factory: The Ultra-Secret NSA From 9/11 To The Eavesdropping On America" im Interview vom 14. Oktober 2008. Für die Washington Post, deren Journalist Bob Woodward nicht nur zum Journalistenteam gehörte, das Watergate mitaufklärte, sondern der erst kürzlich ein kritisches Buch über die Kriegspolitik der Bush-Administration veröffentlichte und für Gellmann vielleicht nur eine weitere Gelegenheit, den Republikanern im Wahlkampf ein Stöckchen zwischen die Beine zu werfen – mögen sie Erfolg haben, denn schlimmer kann es nicht werden. Für uns eigentlich nur noch von historischem Interesse und als weiteres Beispiel, wie pervertiert eine Regierung für die "Nationale Sicherheit" zu handeln bereit ist. Die Electronic Frontier Foundation (EFF) hat die Entwicklung der NSA Überwachungsprogramme zum Anlass genommen, um erneut Klage im Auftrag der Kundin des kooperierenden Telko-Unternehmens AT&T Carolyn Jewel und anderer Kunden gegen die Überwachungsprogramme (Jewel vs. NSA) zu erheben, die am 18. September eingereicht wurde. Nur das die EFF dieses Mal neben der NSA direkt den jetzigen Direktor der NSA Keith B. Alexander, seinen Vorgänger und jetzigen Direktor der CIA Michael Hayden, Vizepräsident Richard Cheney und Präsident G. W. Bush, Cheneys Stabschef David S. Addington, die ehemaligen US-Justizminister John D. Ashcroft, Alberto R. Gonzales und ihren Nachfolger Michael B. Mukasey, sowie den Ex-NSA Direktor und amtierenden Direktor der US-Geheimdienste John M. McConnell und dessen Vorgänger John D. Negroponte verklagt. Diese Herren haben eh viel Dreck am Stecken, dass sie schon deswegen auf irgendeine Anklagebank gehörten, aber so hat die EFF zumindest noch einmal den Kreis der politisch Verantwortlichen benannt und verklagt, die an der Spitze des politischen Systems unter Bush für die Transformation der USA in einen Geheimdienststaat gesorgt haben oder wie es der Jurist der EFF Kevin Bankston ausdrückte: "In Ergänzung zur Klage gegen AT&T haben wir jetzt eine zweite Front im Kampf gegen die illegale Überwachung von Millionen normaler Amerikaner durch die NSA eröffnet und ziehen diejenigen persönlich zur Verantwortung, die das Überwachungsprogramm autorisiert haben oder sich daran beteiligten." Nicht nur bezüglich der Rolle Cheneys vor und nach 9/11 und während des Irak-Krieges, sondern auch für die nachträgliche Aufarbeitung seines Einflusses auf die Sicherheitsgesetzgebung und die Spionageprogramme könnte das Urteil der Richterin Colleen Kollar-Kotelly am U. S. Bezirksgericht von Columbia vom 20. September 2008 relevant werden, über das die Los Angeles Times und die New York Times in den Artikeln Cheney must hold his records und Cheney Is Ordered to Preserve Records berichteten. Die Watchdog Organisation Citizens for Responsibility and Ethics (CREW) aus Washington und einige Historiker hatten vor Gericht gewarnt, dass Cheney in der Phase des Amtsübergangs nach den Wahlen wichtige Dokumente vernichten könnte und beantragt, dass Cheney persönlich, das Büro des Vizepräsidenten, das Büro des White House Stabs und auch das Nationalarchiv angewiesen werden, nach dem Gesetz zur Erhaltung der Materialien und Aufzeichnungen des Präsidenten und Vizepräsidenten alle Aufzeichnungen in vollem Umfang zu sichern. Die Richterin folgte dem Antrag und nicht den Argumenten der Anwälte der Bush-Administration und Cheneys. Die hatten wie zuvor Cheneys Stabschef Addington versucht, die Rolle Cheneys herunterzuspielen – Cheney hätte keine Funktionen in den exekutiven und legislativen Abteilungen der Bush-Adminsitration ausgeübt und das Verbot der Aktenvernichtung bzw. Gebot zur Bewahrung von Aufzeichnungen könne sich nur auf dessen Eigenschaft als Präsident des US-Senats und Funktionen, die ihm speziell von Präsident Bush übetragen wurden, beziehen. Auch dem Versuch der White House Anwälte, über einen Deal die enge Auslegung des Gesetzes im richterlichen Beschluss zu erreichen, erteilte die Richterin eine Absage. Ausschlaggebend für Kollar-Kotellys Beschluss mag auch ihr Amt als Vorsitzende am Gericht der Vereinigten Staaten betreffend die Überwachung der Auslandsgeheimdienste sein, dessen Machtbereich durch das FISA Ergänzungsgesetz drastisch eingeschränkt wurde. Die Dame "kennt also ihre Pappenheimer". Ob das Cheney und Konsorten nach der Vorgehensweise um die NSA Abhörprogramme tatsächlich davon abhält, entsprechende Dokumente nicht zu shreddern, ist eher unwahrscheinlich. Nachtrag vom 21.01.2010 Die im Beitrag angesprochene Klage "Jewel v. NSA" wurde laut der EFF Pressemitteilung EFF Plans Appeal of Jewel v. NSA Warrantless Wiretapping Case von Richter Vaughn Walker mit der Begründung verworfen, die Klageführer hätten nicht nachweisen können, dass sie konkret von den NSA Abhörprogrammen betroffen waren und wie konkret sie in welchen Grundrechten verletzt wurden, sondern stattdessen generell eine Maßnahme der Regierung beklagt, die allgemein jeden US-Bürger betreffen könne. Der EFF Anwalt Kevin Bankston bewertete Walkers Beschluss mit dem Kommentar: "the alarming upshot of the court's decision is that so long as the government spies on all Americans, the courts have no power to review or halt such mass surveillance even when it is flatly illegal and unconstitutional", was richtig ist. Andererseits zeigt der Beschluss, dass man ohne konkrete Beweise für die eigene Betroffenheit und eine gute Beweisführung keine Chance vor US-Gerichten bei Fällen zur nationalen Sicherheit hat, was allerdings mit dem generellen Problem verbunden ist, dass sich konkrete Nachweise aufgrund der geheimen Arbeitsweise der Geheimdienste und geheimer Regierungsprogramme vor einer Klageerhebung nur schwer oder überhaupt nicht zu beschaffen sind. Siehe auch: AP - Judge orders wiretap memos to be reviewed - Justice Department must produce communications from White House (01.11.08) Washington Post - Bush E-Mails May Be Secret a Bit Longer (21.12.2008)
Geschrieben von Kai Raven
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Ausgehöhlter Rechtsstaat - Freitag, 12. September 2008
Noch ein interessantes Dokument zur Frage, wie Rechtsstaatlichkeit und Grundrechte für die "Nationale Sicherheit" langsam vor die Hunde gehen, das hiermit den Stapeln von ähnlichen Papieren, Diplomarbeiten, Büchern, Kommentaren, Essays, Konferenzbänden und Vorträgen hinzugefügt wird, die mittlerweile tonnenweise virtuell und materiell herumliegen müssten: Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, der Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, mit seinem 24-seitigen Essay Gefahrenabwehr im demokratischen Rechtsstaat - Zur Debatte um ein "Feindrecht" via Pressemitteilung: Menschenrechtsinstitut warnt vor Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit.
Geschrieben von Kai Raven
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TV-Tipp: Stasi-Geheimdienstschätze - Montag, 11. Februar 2008
In der Dokumentation Der Geheimdienstschatz - Zeugnisse gegen Vergessen und dreiste Lügen von Tobias Vogt und Markus Stockhaus, die Phoenix morgen ab 19:15 Uhr (Wiederholung am 16.02.08 ab 13.15 Uhr) zeigt, geht es um die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen, Stasi-Akten, die Rosenholz-Dateien, Opfer und Täter des Staatssicherheitsdienstes.
Aus der Ankündigung:
Was die Stasi-Unterlagen-Behörde zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte leistet und mit welchen Mitteln und Methoden der Geheimdienstapparat funktionierte, beschreibt der Film an einigen konkreten Beispielen. Zu Wort kommen Opfer und Täter der ehemaligen DDR-Geheimpolizei.
Vielleicht eine gute Ergänzung zum Film Das Leben der Anderen, der verdient in der Nacht zum Montag den Preis für den besten Film in nicht-englischer Sprache der Britischen Filmakademie erhielt.Dokumentiert werden tödlich endende Versuche, die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze zu überwinden. Beschrieben wird die Fluchthilfe eines Studenten, die im Stasi-Knast endete. Die langjährige Tätigkeit von inoffiziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit in den beiden Kirchen ist ebenso ein Thema wie die Spionage in Bonn. Dabei spielt der Verrat in den Bundestagsparteien eine besondere Rolle. (...) Im Film "Der Geheimdienstschatz" dokumentieren die Autoren Zeugnisse gegen das Vergessen, gegen die Verharmlosung der SED-Diktatur. Herausgestellt wird auch die Bedeutung der Stasi-Hinterlassenschaft für die ganz persönliche Akteneinsicht von Bürgern, die jahrelang bespitzelt und drangsaliert wurden. Die Akten belegen auch, wer sich nicht mit der Stasi einließ und wer sich weigerte, Vertrauen zu brechen und Menschen zu verraten. Eine weitere Dokumentation, die ich vor zwei Wochen im MDR gesehen habe, ist auch zu empfehlen und fast noch beeindruckender als der Spielfilm "Das Leben der Anderen". In der Dokumentation Aus Liebe zum Volk von 2004 hatten die beiden Regisseure Eyal Sivan und Audrey Maurion Originalauszüge aus dem Buchtitel "Ausgedient - Ein Stasi-Major erzählt" von Reinhardt O. Cornelius-Hahn aus dem Jahr 1990 durch Axel Prahl wiedergeben lassen, das auf einem Monolog eines Ex-Stasi Majors basiert, der in der Stasi für die "Bekämpfung von politisch-ideologischer Diversion und politischer Untergrundtätigkeit" verantwortlich war. Das Buch ist aktuell unter dem Titel Aus Liebe zum Volk - Ausgedient - Nach Notizen eines Stasi-Offiziers erzählt erhältlich. Dem Monolog des Stasi-Offiziers wurden Aufnahmen aus dem Filmarchiv der Gauck-Behörde, Ausschnitte aus Schulungsfilmen der Stasi, aufgezeichnte Anrufe von "Informatinellen Mitarbeitern", Ton- und Videomitschnitte aus Verhören und Aufnahmen von Videoüberwachungskameras der Stasi beseite gestellt, die u. a. die oppositionelle Szene im öffentlichen Raum beobachteten. Auf der Seite zum Film findet sich auch ein Interview mit den beiden Regisseuren. Daraus ein Auszug:
Sie verweisen in Ihrem Film auf die Aktualität des ostdeutschen Ideals totaler Observation, gerade nach dem 11. September 2001. Aber gibt es nicht doch große Unterschiede zwischen dem Überwachungsstaat DDR und dem mehrheitlich tolerierten Sicherheitswahn von heute?
Das ist eben, worum es neben dem Überwachungs- und Spitzelsystem der Stasi auch geht: Um die Ähnlichkeiten zu heutigen Entwicklungen und der Ideologie des Primats der Sicherheit, aber auch um die Unterschiede in Qualität und Ausmaß von Repression und Überwachung, um die Gefahr der Verharmlosung, wenn man ständig mit der Gleichsetzung der Sicherheitspolitik und der Sicherheitspolitiker im heutigen Deutschland mit der STASI um sich wirft.
Eyal Sivan: Es ist gleichzeitig verschieden und verwandt. Sehr ähnlich ist es sich in Bezug auf die Terminologie. Auch die Stasi hat immer vom Kampf gegen Terroristen gesprochen und sich damit öffentlich legitimiert. Das Verhältnis eines ganz natürlichen Sicherheitsbedürfnisses der Menschen einerseits und der Menschenrechte andererseits kommt so allmählich aus dem Gleichgewicht. Das ist eine sehr aktuelle Entwicklung. In der Tat verblüffen viele Stellen des gesprochenen Textes in Ihrem Film durch Ihre augenscheinliche Aktualität. Haben Sie Veränderungen an der Vorlage vorgenommen, um diesen Effekt zu verstärken? Audrey Maurion: Nein. Wir haben inhaltlich am Text des Stasi-Majors überhaupt nichts verändert. Wir mussten lediglich kürzen, aus dramaturgischen Gründen. Eyal Sivan: "Krieg gegen den Terrorismus, Vernichtung des Feindes, Schutz der Heimat, Glück des Volkes..." – Alle diese Phrasen, die wir heute oft hören, finden sich original in den Stasi-Akten!
Geschrieben von Kai Raven
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19:46
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Die Herren der Sicherheit warnen wieder - Freitag, 8. Februar 2008
Den einzigen bedenkenswerten Kommentar, den ich zu den in allen Presseagenturen und Zeitungen kursierenden Terror-Warnungen finden konnte, auch weil sich alle anderen Meldungen fast auschließlich auf das Nachplappern der Äußerungen von Innen-Staatssekretär und Ex-BND Chef August Hanning, dem Sprecher des Bundesinnenministeriums Stefan Paris und dem Vize-Präsidenten des Bundeskriminalamts Bernhard Falk beschränken, stand im Handelsblatt Kommentar Timing ist alles:
Tatsache ist, dass Deutschland gerade von den USA wegen des Afghanistan-Engagements heftig kritisiert wird. Die Bundeswehr, so der Vorwurf, scheue bei der Bekämpfung der Taliban jede Gefahr. Statt Kampftruppen sende Berlin nur Aufbauhelfer in Uniform, statt Einsatz im gefährlichen Süden leiste Deutschland lediglich Bewachungsdienste im sicheren Norden. Liegt es da nicht nahe, den unausgesprochenen Vorwurf der Drückebergerei zu kontern?
Dazu passen die Äußerungen des US-Verteidigungsministers Gates zum Auftakt der Sicherheitskonferenz in München, über die in der AFP Meldung US-Verteidigungsminister warnt vor Scheitern in Afghanistan berichtet wird:
Von wegen Angsthasen - Deutschland liegt ebenso im Fadenkreuz der Terroristen wie andere Länder. So jedenfalls könnte die Botschaft lauten. Von wegen Konfliktscheue - auch der Bundeswehreinsatz provoziert Terroristen an der deutschen Heimatfront zu Gegenreaktionen. Und überhaupt: Helfen akute Bedrohungsszenarien wie diese nicht auch, lästige Datenschützer und andere liberale Bedenkenträger im parlamentarischen Ringen um schärfere Sicherheitsgesetze an den Rand zu drängen?
Zum Auftakt der internationalen Sicherheitskonferenz in München hat US-Verteidigungsminister Robert Gates die NATO-Verbündeten eindringlich vor dem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes gewarnt. Ein Fehlschlag der Mission wäre "eine direkte Bedrohung der Sicherheit der Europäer", sagte Gates mit Blick auf das Terrornetzwerk El Kaida und andere radikalislamische Gruppen im Land am Hindukusch ... Er wende sich "an die Europäer, nicht an die Regierungen, um ihnen zu erklären, dass ihre Sicherheit an einen Erfolg in Afghanistan geknüpft ist", betonte Gates. Afghanistan sei nicht nur Ausgangsbasis für die Anschläge in den USA im Jahr 2001 gewesen, es sei auch "ganz klar, dass El Kaida und andere" eine Rolle bei den Terror-Anschlägen in Europa gespielt hätten. Gates, aber auch Vertreter anderer NATO-Staaten hatten in den vergangenen Tagen Druck auf Deutschland gemacht, Bundeswehrsoldaten auch in den umkämpften Süden Afghanistans zu entsenden. Gates begrüßte in dem die Aussicht auf einen französischen Kampfeinsatz im Süden Afghanistans.
Zum "Timing" gehört auch, dass die Terror-Warnungen just zu einem Zeitpunkt erfolgen, wo gerade die erste größere Sicherheitskonferenz – der Europäische Polizeikongress – vorbei ist und die nächste – die Sicherheitskonferenz in München – gerade begonnen hat. An beide Konferenzen schließen sich immer politische Forderungen an, die auf die Ausweitung der Befugnisse der Sicherheitsbehörden und die Ausweitung der Schäuble'schen "Sicherheits-Architektur" abzielen und dafür bedarf es auch eines Anschubs und der Unterstützung in Gestalt aufgefrischter Terror-Warnungen.Denn wenn man sich mal anschaut, was den Multiplikatoren von den Herren der Sicherheit vorgeführt und an die Wand gemalt wurde, findet sich nichts, aber auch nichts Neues. Da wird davor gewarnt, Al-Qaida hätte entschieden, auch in Deutschland Anschläge zu begehen, als hätte diese Gefahr nicht schon immer bestanden und das nicht erst, seitdem die "Quick Reaction Force" Truppe der Bundeswehr in den Norden Afghanistans geht. Wichtig ist dabei die Verbindung mit dem Angst-Verstärker von Hanning, dass er die Sorge habe, dass man "nicht jeden Operation verhindern könne". Als würde jemals die Garantie dazu bestehen. Aber diese Sorge zielt darauf ab, dass wieder die Frage aufkommt, was man denn für die Dienste und Polizeibehörden tun könne, um ihre Sorgen zu schmälern. Die Antwort auf diese unausgeprochene Frage werden die deutschen Sicherheitspolitiker in naher Zukunft beantworten, dessen kann man sich gewiß sein. Aus dem Süden Afghanistans (ausgerechnet dort) heraus würden deutsche "Sauerland-Bomber" angeworben, für die es plötzlich deutschsprachige Jihad-Websites und eine 16-Stunden lange Bombenanleitung mit deutschen Untertiteln gibt. Die mengt man noch mit den Gefährdern und schon hat man das Bild der "Home grown Terrorists", der islamistischen Konvertiten" und "Schläfer" aufgefrischt, die alle erst einmal nach Pakistan ins Ausbildungslager gehen – warum eigentlich nicht in den Süden Afghanistans, wenn dort schon die gesamte Infrastruktur zu stehen scheint, um sie alle, alle zu finden, an Al-Qaida zu binden und auszubilden. Die Gefahr der inländischen Terroristen existiert, aber sie ist weder neu noch konkret. Denn konkret ist gar nichts, wie die Herren selbst anmerken müssen. Aber das "virtuelle Terrorcamp auf Deutsch", die Nutzung des Internets durch Islamisten, darf nicht fehlen. Denn zum Timing gehört auch, dass am 27. Februar der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zu Online-Durchsuchung und Landestrojaner ansteht und die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung ins Haus steht, während auf europäischer Ebene demnächst neue Sicherheitsverschärfungen von der Europäischen Kommission ausgehen werden. Geradezu als Kontrast wirkt da das Interview des SWR mit dem jetzigen Chef des BND Ernst Uhrlau vor einer Woche. Auch wenn der ebenfalls mit Vorsicht zu genießen ist, bringt der eine eher besonnene Lageeinschätzung ohne bedrohliche Terror-Warnungen. Aber vermutlich gab es vor einer Woche die virtuellen Terrorcamps und Bomben-Bauanleitungen für die deutschen Jihadi noch nicht. Vom Fadenkreuz, in dessen Zentrum Deutschland jetzt laut Paris steht, hält Uhrlau übrigens nicht viel, weil es ihm zu sehr nach "Kimme und Korn" klingt.
Geschrieben von Kai Raven
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23:44
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Warnungen und Schutzmaßnahmen vor AmI-Chips und -Sensoren - Mittwoch, 6. Februar 2008
Ich brauche das eigentlich nicht, dürfte aber interessant sein, besonders für RFID- und Sensor-geile Politiker und unwissende Medienvertreter: Der Buchtitel Safeguards in a World of Ambient Intelligence, der zwar vom Institute for Prospective Technological Studies (IPTS) des EU Joint Research Centers mitgeschrieben und -editiert wurde, aber nur für ca. 138 € vom Springer Verlag zu haben ist.
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This book is a warning. It aims to warn policy-makers, industry, academia, civil society organisations, the media and the public about the threats and vulnerabilities facing our privacy, identity, trust, security and inclusion in the rapidly approaching world of ambient intelligence (AmI).
In the near future, every manufactured product – our clothes, money, appliances, the paint on our walls, the carpets on our floors, our cars, everything – will be embedded with intelligence, networks of tiny sensors and actuators, which some have termed "smart dust". The AmI world is not far off. We already have surveillance systems, biometrics, personal communicators, machine learning and more. AmI will provide personalised services – and know more about us – on a scale dwarfing anything hitherto available. In the AmI vision, ubiquitous computing, communications and interfaces converge and adapt to the user. AmI promises greater user-friendliness in an environment capable of recognising and responding to the presence of different individuals in a seamless, unobtrusive and often invisible way. While most stakeholders paint the promise of AmI in sunny colours, there is a dark side to AmI. This book aims to illustrate the threats and vulnerabilities by means of four "dark scenarios". The authors set out a structured methodology for analysing the four scenarios, and then identify safeguards to counter the foreseen threats and vulnerabilities. They make recommendations to policy-makers and other stakeholders about what they can do maximise the benefits from ambient intelligence and minimise the negative consequences.
Geschrieben von Kai Raven
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10:51
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Unsere lieben kleinen Mensch-Tier Hybriden - Freitag, 18. Januar 2008
Na, freut Ihr Euch auch schon darauf, was die Briten mit ihrer Mensch-Tier Genforschung an Hybriden und Mensch-Tier Gen-Patenten hervorbringen werden? Vielleicht so etwas:
Oder doch lieber den "Dolly-Menschen" nach Aldous Huxleys Schöner neuen Welt - Ein Roman der Zkunft?:
"Wir prädestinieren und normen auch. Wenn wir unsere Kleinlinge entkorken, haben sie bereits ihren festen Platz in der Gesellschaft, als Alphas oder Epsilons, als künftige Kanalreiniger oder künftige -" Er hatte "künftige Weltaufsichtsräte" sagen wollen, verbesserte sich aber und sagte "künftige Brutdirektoren".
Ich wäre dem Chamäleon-Gen nicht abgeneigt. Nicht, um als menschliches Chamäleon a la Allens Zelig herumzulaufen, sondern mehr in Richtung einer natürlichen Tarnkappe, die ganz nützlich gegen einfache Videoüberwachungskameras wäre. Vielleicht hat das eine oder andere Tier auch ein Morphing-Gen zu bieten?... "Schafskopf!" Der Direktor brach sein langes Schweigen. "Ist Ihnen denn noch nie aufgefallen, daß ein Epsilonembryo auch eine Epsilonumwelt, nicht nur eine Epsilonerbmasse haben muß?" Offenbar war es dem Jungen noch nie aufgefallen. Er schämte sich. "Je niedriger die Kaste", sagte Päppler, "desto weniger Sauerstoff." Das erste davon betroffene Organ war das Gehirn. Dann kam das Knochengerüst dran. Verringerte man die normale Sauerstoffzufuhr um dreißig Prozent, erhielt man Zwerge, verringerte man sie weiter, augenlose Ungeheuer. "Die völlig nutzlos sind", schloß Päppler. Dagegen - seine Stimme wurde vertraulich und eifrig wenn es gelänge, ein Verfahren zur Verkürzung der Wachstumsperiode zu entwickeln, welch ein Triumph, welch ein Segen für die Gesellschaft! "Denken Sie an das Pferd!" Sie dachten daran. Ausgewachsen mit sechs Jahren, der Elefant mit zehn. Der Mensch jedoch mit dreizehn noch nicht einmal geschlechtsreif, erst mit zwanzig wirklich ausgewachsen. Daher natürlich, als Frucht solch langsamer Entwicklung, die menschliche Intelligenz. "Aber Epsilons", bemerkte Päppler sehr zu Recht, "brauchen keine Intelligenz." Brauchten keine und bekamen auch keine. Der Verstand eines Epsilons war wohl mit zehn Jahren reif, der Körper aber erst mit achtzehn arbeitsfähig. Lange, überflüssige, vergeudete Jahre des Heranwachsens. Wenn man die körperliche Entwicklung beschleunigen könnte, bis sie der Wachstumsgeschwindigkeit einer Kuh entsprach, wie kolossal die Ersparnis für die Allgemeinheit! Siehe auch: Telepolis - US-Unternehmen hat menschliche Embryonen aus Hautzellen geklont Scientific American - Longest Piece of Synthetic DNA Yet
Geschrieben von Kai Raven
in CCTV / Video, DNA, Menschenrecht, Ökologie, Ökonomie, Papier, Politik
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TV-Tipp: Das Schloß - Samstag, 8. Dezember 2007
Am Mittwoch, den 12. Dezember, zeigt 3sat um 23 Uhr die Verfilmung von Kafkas "Das Schloß" aus dem Jahr 1997/1998:
Der Versuch des Landvermessers K., ins Schloss zu gelangen, schlägt ebenso fehl wie sein Versuch, sich in der zum Schloss gehörenden Dorfgemeinde anzusiedeln. Je mehr K. sich bemüht, desto weiter entfernt er sich von seinem Ziel. Die Bürokratie des Schlosses verhindert in ihrer Undurchdringlichkeit und Willkür jede Klärung seiner gesellschaftlichen wie existenziellen Situation. K. bleibt, was er am Tag seiner Ankunft war: ein - im günstigsten Fall - geduldeter Fremder.
2007 wäre auch passend. Kafkas Titel "Das Schloß" ist ein Muss, nicht nur als Film. Neben der bei 3sat gezeigten Version gibt es auch noch die Verfilmung aus dem Jahr 1968. Wer "Brazil" und die Verfilmung von "1984" kennt und mag, sollte sich auch "Das Schloß" ansehen oder noch besser: Digital oder auf Papier lesen.
Michael Haneke ("Der Siebente Kontinent", "Benny's Video", "Funny Games") verlegt die Handlung von Franz Kafkas gleichnamigem Roman in die 1950er Jahre.
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